Auf dem Biobauernhof in Engelhardsweiler

Veröffentlicht am 27.08.2021 in OV-Zeitung

‘Misses‘ chillt

von Ariane Bergerhoff

 

Als ich die Nummer vom Lautenhof wähle, blickt mich das knitze Ferkel auf der Kontaktkarte keck an. Schon wieder ein Skandal, dieses Mal in Ulm. Das muss anders werden. Aber wie? Ich rufe bei Familie Brenner an, ob ich mal vorbeischauen dürfe. Gerne.

 

Also stehe ich an einem Freitagmorgen im Hof bei Brenners. Mit einem fröhlichen Lächeln und einem Ellenbogenschlag begrüßt mich Andreas, der Sohn der Familie. Kurz darauf erscheint sein Vater, Alois Brenner -ein Vorreiter der ökologischen Muttersauenhaltung im Ostalbkreis. Aktuell werden nur rund 9% der landwirtschaftlichen Flächen im Ostalbkreis ökologisch bewirtschaftet. Das ergeben meine Recherchen später zuhause am Schreibtisch. Erst jeder vierzehnte Betrieb von ungefähr 2.100 erhält Zuschüsse der EU für eine ökologische Wirtschaftsweise. Die übrigen hängen am Topf der EU-Agrarzahlungen für den konventionellen Landbau. Da ist Luft nach oben.

Ich möchte von Herrn Brenner wissen, warum er von der konventionellen Ferkelzucht auf Bioland umgestellt habe. Schuld daran sei Putins Griff nach der Krim, die Russlandsanktionen und der dadurch fallende Preis für Schweinefleisch. Einigen blieb nur der Ausstieg oder „einigen Halbverruggten“, so Brenner, die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft. Ferkel konventionell gewinnbringend zu züchten, geht auf Kosten des Tierwohls, der Umwelt und der eigenen körperlichen sowie seelischen Gesundheit. Konventionelle Ferkelzucht zu Billigpreisen ist für Alois Brenner keine Option mehr. Er bereut die Umstellung nicht – im Gegenteil.

Die Umstellung war 2016. Die ersten Schweine, die ich sehe, schauen mich zwar interessiert, aber äußerst gelassen an. Sie chillen im Auslauf im Freien auf Stroh. Schweine, die zu Billigpreisen in den Supermärkten enden, haben weder einen Auslauf noch jemals echtes Stroh gesehen, geschweige denn den Platz, der ihnen hier zur Verfügung steht.
Bei den Muttersauen steigt Alois Brenner in den Stall einer Schweinemama und ihren Ferkelchen.

So putzig sie sind, so enorm ist der Größenunterschied zwischen Mutter und Nachwuchs. Ich hoffe fest, dass ich hier einen Blick in die Zukunft der Landwirtschaft werfe und alle Schweine so leben dürfen, bevor wir sie essen. Aber noch habe ich nicht alles gesehen.

Als Herr Brenner bei ‘Misses‘ den Stall mistet und ich neues Stroh einstreue, frage ich, ob denn alle seine Schweine Namen hätten. Ja, sagt er. Ich bin beeindruckt. Natürlich möchte ich nun ein paar der Schweine namentlich kennenlernen. Also will ich wissen, wie die anderen Muttersauen denn so heißen würden. Jede für sich heiße ‘Misses‘.

Die Zeit drängt ein bisschen. Immerhin will Herr Brenner mir noch seine Kartoffeln zeigen und ich will noch mit dem Traktor fahren. Also raus aufs Feld und wieder zurück. Ich möchte unbedingt wieder kommen. Ich habe das Bedürfnis, dass alle sehen sollten, dass es Alternativen zur Massentierhaltung gibt.

Am Schluss tauschen wir Geschenke. Herr Brenner bekommt von mir zum Dank einen Meterstab, auf dem nicht nur Zentimeter, sondern auch die Geschichte der SPD ablesbar ist. Kann man durchaus gebrauchen. Frau Brenner überreicht mir eine Tüte ihrer Kartoffeln, damit ich mich von der tollen Qualität überzeugen kann. Und ich kann sagen: Lecker, sehr lecker.